Das verlorene Licht
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Der erste Riss

Kapitel 1 - Der Wald hört zu

Der Wald schwieg nie. Andere Menschen behaupteten das, wenn sie zwischen den alten Stämmen standen und nichts hörten außer Wind, Vögel und das Knacken trockener Zweige. Wie still es hier ist, murmelten sie dann mit gesenkter Stimme, vorsichtig, als fürchteten sie, die Ruhe zu zerbrechen.

Aemilia hatte das nie verstanden. Der Wald war nicht still. Er war nur nicht laut wie Menschen.

Er atmete. Er dehnte sich in der Wärme des Morgens, wenn die ersten Sonnenstreifen zwischen den Blättern hindurchfielen und das Moos auf den Steinen silbern glänzte. Er zog sich zusammen, wenn Regen kam und die Tiere tiefer in die Schatten rückten. Er murmelte in den Wurzeln, raschelte in den Farnen, antwortete im Holz, wenn man eine Hand lange genug auf die Rinde legte.

Heute klang er falsch. Aemilia blieb zwischen zwei Buchen stehen und hob den Kopf.

Der Hang unter ihr fiel sanft zum Bach ab. Zwischen den Wurzeln sammelte sich noch Nebel, dünn und weiß, als habe die Nacht vergessen, ihn mitzunehmen. Über dem Wasser tanzten kleine Insekten. Irgendwo weiter oben hämmerte ein Specht gegen einen Stamm, drei schnelle Schläge, dann Stille, dann wieder drei.

Alles sah aus wie immer. Aber darunter lag etwas anderes. Ein Ziehen. Nicht stark, nicht gefährlich. Eher wie ein Faden, der sich in einem Kleid verfangen hatte und bei jeder Bewegung spannte.

Aemilia hielt den Atem an. Da war es wieder, ganz tief unter dem Boden. Nicht unter ihren Füßen, nicht wirklich. Eher unter allem. Unter Erde, Wurzeln, Stein und Wasser. Ein kaum merkliches Zittern, so schwach, dass ein anderer es für Einbildung gehalten hätte. Aemilia nicht.

Sie kannte diesen Wald besser als die meisten Wege im Dorf. Sie war hier aufgewachsen, hatte zwischen den Stämmen laufen gelernt, hatte sich als Kind in hohlen Eichen versteckt und im Winter Tierspuren gelesen, bevor sie Buchstaben lesen konnte. Ihr Vater sagte oft, sie habe mehr Zeit zwischen Bäumen verbracht als unter einem Dach. Ihre Mutter meinte dann, das erkläre einiges.

Aemilia lächelte bei dem Gedanken. Das Lächeln verschwand, als der Faden erneut spannte. Diesmal kam es vom Bach.

Sie ging weiter, langsam, die linke Hand an den Riemen des kleinen Messers an ihrem Gürtel gelegt. Die Bewegung beruhigte sie – auch wenn ein Messer gegen das, was in der Luft lag, wenig ausrichten konnte. Ein Satz ihres Vaters fiel ihr ein: Wenn du nicht weißt, was vor dir liegt, sorge wenigstens dafür, dass deine Hände wissen, was sie tun.

Also lag ihre Hand am Messer.

Der Bach lag in einer schmalen Senke, halb verborgen unter überhängenden Zweigen. Das Wasser war klar, wie immer nach kühlen Nächten. Es lief über flache Steine, bildete kleine Wirbel an Wurzeln und verschwand weiter unten zwischen Erlen. Aemilia kniete sich ans Ufer und sah hinein.

Zuerst bemerkte sie nichts. Dann sah sie die Fische.

Drei kleine Silberlinge standen reglos im Wasser. Nicht tot. Ihre Flossen bewegten sich, ihre Körper hielten sich gegen die Strömung. Aber sie schwammen nicht. Sie standen einfach da, dicht nebeneinander, alle mit den Köpfen gegen denselben Stein gerichtet.

Aemilia runzelte die Stirn. „Was macht ihr da?“

Ihre Stimme klang zu laut. Einer der Fische zuckte. Die anderen nicht.

Sie beugte sich näher hinab. Der Stein, auf den sie gerichtet waren, lag halb im Wasser, halb im Schlamm. Er war dunkel, rund und unscheinbar. Aemilia hätte ihn nie beachtet, wenn nicht alles um ihn herum so seltsam ruhig gewesen wäre.

Das Wasser teilte sich an ihm. Nicht wie an einem gewöhnlichen Stein. Eher wie an etwas, das es nicht berühren wollte.

Aemilia streckte die Hand aus, hielt aber inne, bevor ihre Finger die Oberfläche erreichten. „Dumm“, murmelte sie. Das sagte sie oft zu sich selbst. Meistens kurz bevor sie etwas tat, das ihr Vater tatsächlich dumm genannt hätte.

Sie berührte das Wasser.

Kälte schoss durch ihre Finger. Schwerer als Bachwasser, dichter als Schneeschmelze. Diese Kälte hatte Gewicht. Sie kroch in ihre Haut, stieg an ihren Knöcheln hinauf und legte sich um ihre Hand wie ein nasses Tuch.

Aemilia riss die Finger zurück. Die Fische stoben auseinander.

Der Wald wurde still. Diesmal wirklich. Kein Specht. Kein Wind. Kein Blatt.

Aemilia blieb auf den Knien, die nasse Hand an die Brust gedrückt. Ihr Puls hämmerte in den Schläfen. Sie starrte auf den Stein. Ein dünner Riss lief durch seine Oberfläche. Er war vorher nicht da gewesen. Oder doch? Aemilia konnte es nicht sagen.

Sie hörte ein Knacken hinter sich. Sofort drehte sie sich um.

Zwischen den Stämmen stand ein Reh. Eine junge Ricke, schmal, mit dunklen Augen und großen Ohren. Kaum zehn Schritte entfernt, den Blick auf Aemilia gerichtet – wachsam, aber ohne Flucht in den Beinen.

„Du solltest nicht hier sein“, flüsterte Aemilia. Das galt für sie beide.

Die Ricke senkte den Kopf. Ihre Nüstern bebten. Dann trat sie einen Schritt vor, setzte den Huf vorsichtig auf das feuchte Laub und blieb wieder stehen.

Aemilia bewegte sich nicht. Tiere kamen manchmal nah an sie heran. Nicht immer. Nicht wie in den Geschichten, die alte Frauen am Herd erzählten, wo Füchse zahm wurden und Vögel sich auf Finger setzten, wenn jemand von den Hohen gesegnet war. Aemilia hielt nichts von solchen Geschichten. Tiere waren Tiere. Sie vertrauten nicht grundlos. Aber manchmal fürchteten sie sich weniger vor ihr als vor anderen Menschen. Das war alles. Wahrscheinlich.

Die Ricke hob den Kopf. Dann sah sie zum Bach.

Aemilia folgte ihrem Blick. Der Stein lag noch immer dort. Das Wasser floss um ihn herum. Der Riss in seiner Oberfläche war dunkler geworden. Für einen Moment glaubte Aemilia, darin etwas Goldenes zu sehen. Kein Licht. Eher die Erinnerung an Licht. Sie blinzelte, und es war fort.

Die Ricke schnaubte leise. „Ja“, sagte Aemilia. „Ich weiß.“ Sie hatte keine Ahnung, was sie meinte.

Ein Windstoß fuhr durch die Senke. Die Blätter bewegten sich, der Wald atmete wieder ein, und irgendwo in der Ferne begann der Specht erneut zu hämmern. Drei Schläge. Stille. Drei Schläge.

Aemilia stand auf. Ihre Knie waren feucht vom Moos. Ihre Finger kribbelten noch immer, als habe sie zu lange in Schnee gegriffen. Sie rieb die Hand an ihrer Hose trocken, aber das Gefühl blieb.

Sie sollte nach Hause gehen. Ihr Vater wartete sicher schon auf sie. Sie hatten Fallen zu prüfen, Holz zu markieren und den alten Weg oberhalb der Nordweide freizuschneiden. Wenn sie zu spät kam, würde er nichts sagen. Das traf härter, als wenn er schimpfte.

Sie sah noch einmal zum Stein. Der vernünftige Teil von ihr sagte, sie solle ihn liegen lassen. Ein Stein mit einem Riss war ein Stein mit einem Riss. Wasser war kalt. Fische waren seltsam. Rehe waren dumm genug, sich manchmal an Orte zu stellen, an denen Menschen sie sehen konnten. Der vernünftige Teil von ihr klang sehr nach ihrer Mutter.

Der andere Teil trat bereits wieder an den Bach.

Aemilia zog das Messer. Nicht um etwas zu schneiden. Nur, um den Stein mit der Spitze aus dem Schlamm zu hebeln. Sie kniete sich erneut hin, setzte die Klinge vorsichtig an und drückte. Der Stein bewegte sich nicht. Sie drückte stärker.

Plötzlich gab der Schlamm nach. Nicht viel. Nur ein Fingerbreit. Genug.

Etwas unter dem Stein löste sich. Aemilia nahm es nicht mit der Hand wahr. Sie nahm es im Brustkorb wahr. Ein leiser Schlag, als habe tief unter der Erde ein Herz einmal geschlagen und dann wieder aufgehört.

Der Wald antwortete. Nicht mit Stimme, nicht mit Worten. Mit allem.

Die Wurzeln unter ihr zogen an. Das Wasser hob sich einen Atemzug lang gegen die Strömung. Die Blätter über ihr drehten ihre hellen Unterseiten nach unten, obwohl kein Wind ging. Die Ricke sprang zurück, floh aber nicht. Sie stand zwischen den Bäumen, zitternd, die Augen weit.

Aemilia konnte sich nicht bewegen. Etwas strich an ihr entlang. Durch sie hindurch. Es war nicht kalt wie das Wasser. Nicht warm wie Feuer. Es war beides und keines davon. Bewegung ohne Richtung, Klang ohne Ton, Druck ohne Berührung.

Es suchte. Nein – es erkannte.

Aemilia keuchte. Für einen Moment war der Wald nicht um sie herum. Er war in ihr.

Das Wasser lief über Stein, und sie fühlte jeden Tropfen. Der Saft stieg in den Buchen, langsam und geduldig. Der Atem der Ricke ging schnell, panisch. Käfer krochen unter Rinde, Wurzeln griffen ins Erdreich, Pilzfäden webten sich zwischen totem Holz. Alles war verbunden, jede Stimme anders, jede für sich, und doch Teil von etwas Größerem.

Dann kam der Schmerz. Er schnitt durch dieses Lied wie Eisen durch Seide.

Aemilia presste die Hände auf die Ohren, obwohl der Schmerz nicht von außen kam. Da war ein Riss. Nicht im Stein. Nicht nur dort. Irgendwo tiefer. Etwas war festgehalten, verbogen, gezwungen, in eine Richtung zu fließen, in die es nicht wollte.

Sie sah Türme. Nur einen Augenblick. Weiße Türme über einer Stadt am Meer. Graue Roben. Kreise aus Metall. Hände, die Licht in Gefäße pressten, bis es aufhörte zu leuchten und anfing zu gehorchen.

Dann war alles fort.

Aemilia fiel nach hinten ins Laub. Der Bach rauschte normal. Die Blätter bewegten sich normal. Der Specht hämmerte irgendwo zwischen den Stämmen, beleidigend gleichgültig.

Sie lag auf dem Rücken und starrte in das grüne Dach über sich. Ihr Atem ging stoßweise. „Nein“, flüsterte sie. Das war ein gutes Wort. Kurz. Einfach. Man konnte es gegen vieles sagen. Gegen Angst. Gegen Erinnerung. Gegen Dinge, die nicht geschehen sein durften. „Nein.“ Diesmal klang es weniger überzeugend.

Sie setzte sich auf. Ihre Hände zitterten. An der rechten klebte Schlamm, an der linken Wasser. Das Messer lag neben ihr im Moos. Der Stein im Bach war wieder halb versunken. Der Riss darauf war verschwunden.

Aemilia starrte ihn lange an. Dann griff sie nach dem Messer, schob es in die Scheide und stand auf. Ihre Beine fühlten sich an, als gehörten sie jemand anderem. Die Ricke war fort. Natürlich war sie fort.

Aemilia lachte einmal leise auf. Es klang falsch. Zu dünn. Zu nah an einem Schluchzen. „Dumm“, sagte sie wieder. Aber diesmal konnte sie nicht sagen, wen sie meinte.

Sie zwang sich, den Hang hinaufzugehen. Nicht rennen. Wer rannte, zeigte dem Wald, dass er Angst hatte. Das hatte ihr Vater gesagt, als sie klein gewesen war und sich vor Wildschweinen fürchtete. Später hatte er zugegeben, dass Wildschweine sich nicht besonders dafür interessierten, was man dem Wald zeigte. Aber da hatte Aemilia sich den Satz schon gemerkt.

Also ging sie. Ein Schritt nach dem anderen.

Der Wald klang wieder wie Wald. Wind, Vögel, Laub, Wasser. Nichts davon sah sie an. Nichts davon sprach zu ihr. Der Faden unter der Erde war verschwunden oder so tief gesunken, dass sie ihn nicht mehr wahrnahm.

Trotzdem kam ihr jeder Stamm zu wach vor. Der Wald schien etwas bemerkt zu haben – etwas, auf das er gewartet hatte.

Sie hasste diesen Gedanken sofort. Menschen warteten. Tiere warteten. Regen wartete manchmal am Rand des Himmels. Wälder warteten nicht.

Als sie den alten Holzweg erreichte, war die Sonne höher gestiegen. Die Nebelfäden zwischen den Bäumen lösten sich auf. In der Ferne hörte sie das dumpfe Schlagen einer Axt. Ihr Vater.

Aemilia blieb stehen. Sie sollte ihm davon erzählen. Sie stellte sich sein Gesicht vor: die tiefe Falte zwischen den Brauen, das Schweigen, mit dem er ernste Dinge sortierte, bevor er antwortete. Er würde zum Bach gehen wollen. Den Stein sehen wollen. Vielleicht auch ihrer Mutter davon erzählen.

Mutter würde blass werden. Nicht, weil sie an Geschichten glaubte. Weil sie wusste, was geschah, wenn jemand im Dorf das Wort Magie zu laut aussprach.

Aemilia schloss die Finger um den Riemen ihres Messers.

Magie gehörte nicht in den Wald. So lautete die Lehre der Gilde. Magie gehörte in Hallen, Kreise, Leitungen, Siegel und Hände, die dafür geprüft worden waren. Magie war etwas, das man maß, teilte, ordnete und, wenn nötig, entzog. So hatte es der Gildenmann erklärt, der vor drei Wintern ins Dorf gekommen war, um den Brunnenstein zu stabilisieren. Aemilia hatte damals zugehört, weil alle zuhören mussten.

Er hatte von Verantwortung gesprochen. Von Ordnung. Von Gefahr.

Dann hatte er einen blauen Stein in den Brunnen gesenkt, drei Worte gesprochen und dem Dorfvorsteher eine Rechnung übergeben, bei deren Anblick dessen Gesicht grau geworden war.

Seitdem schmeckte das Brunnenwasser im Winter nach Metall. Aemilia hatte nie jemandem gesagt, dass sie das schmeckte.

Sie ging weiter. Der Weg führte bergauf, vorbei an alten Grenzsteinen, die halb im Moos versunken waren. Auf einigen konnte man noch das Zeichen Valtheras erkennen: die Krone über drei Linien, die wohl Flüsse darstellen sollten. Jemand hatte vor Jahren eines der Zeichen mit einem Messer zerkratzt. Ihr Vater hielt betrunkene Holzfäller dafür verantwortlich. Ihre Mutter fand, man solle solche Dinge nicht bemerken.

Aemilia bemerkte sie trotzdem.

Am oberen Hang lichtete sich der Wald. Zwischen den Stämmen erschien das Dorf. Eichenruh lag in einer Mulde zwischen Wald und Feldern, klein genug, dass jeder wusste, wer zu spät aufstand, und groß genug, dass trotzdem alle so taten, als hätten sie Geheimnisse. Rauch stieg aus den Kaminen. Hühner liefen zwischen den niedrigen Zäunen. Auf den feuchten Dächern glänzte Sonne.

Alles war normal. Das machte es schlimmer.

Aemilia blieb am Waldrand stehen. Unten auf dem Weg bewegte sich etwas. Zuerst dachte sie, es sei ein Karren aus Belmorra, vielleicht Händler mit Salz oder Stoff. Dann sah sie das Grau.

Drei Reiter kamen die Straße herauf. Ihre Mäntel waren hellgrau, fast silbern im Morgenlicht. Nicht wie Bauernwolle. Nicht wie Reisekleidung. Zu glatt. Zu sauber. Auf der Brust trugen sie ein Zeichen, das Aemilia selbst aus der Entfernung erkannte: ein Kreis, darin eine senkrechte Linie. Das Zeichen der Gilde.

Aemilia hörte auf zu atmen.

Hinter den Reitern fuhr ein schmaler Wagen. Schwarz lackiertes Holz. Metallbeschläge an den Seiten. Keine Ware. Keine Fässer. Kein Heu. Etwas darin war mit Tuch bedeckt.

Neben dem Wagen ging ein Mann in dunklerer Kleidung. Kein Gildenmantel. Schwarzbraune Robe, einfacher Schnitt, Kapuze zurückgeschlagen. Er war jünger als die anderen, aber nicht jung. Sein Kopf war leicht gesenkt, als würde er zuhören, obwohl niemand mit ihm sprach. Ein Priester.

Aemilia konnte nicht sagen, woran sie es erkannte. Vielleicht an der Kette um seinen Hals. Vielleicht an der Art, wie er die Hände in den Ärmeln verborgen hielt. Vielleicht daran, dass er nicht so aussah, als gehöre er zu den Gildenleuten, und trotzdem mit ihnen kam.

Der Faden unter der Erde spannte sich erneut. Kurz. Warnend.

Aemilia trat einen Schritt zurück in den Schatten der Bäume. Zu spät.

Der Mann in der dunklen Robe hob den Kopf. Über die Entfernung hinweg, über Weg, Feld und Morgenlicht, sah er direkt zum Waldrand. Direkt zu ihr.

Der Priester blieb stehen. Einer der Gildenreiter rief etwas, ungeduldig. Der Mann antwortete nicht sofort. Er sah noch einen Atemzug lang zu Aemilia hinauf. Dann wandte er sich ab und folgte den anderen ins Dorf.

Er hatte sie gesehen. Das traf sie zuerst, kalt und klar. Dann kam der Rest: Er hatte nicht nach ihr gesucht. Sein Blick war kein Suchen gewesen. Etwas im Wald hatte ihn zu ihr geführt – dasselbe Etwas, das unter dem Stein gelegen hatte, durch sie hindurchgegangen war und jetzt noch in ihren Fingern kribbelte.

Aemilia stand zwischen den Bäumen, die Hände kalt, das Herz zu laut. Der Wald rauschte hinter ihr. Nicht stark. Nur leise. Fast wie ein Flüstern. Diesmal verstand sie keine Worte. Aber sie verstand genug.

Lauf nicht. Noch nicht.

Kapitel 2 - Eichenruh

Aemilia blieb noch einen Augenblick am Waldrand stehen, obwohl jeder vernünftige Gedanke ihr sagte, sie solle weitergehen. Oder zurück. Irgendetwas jedenfalls, nur nicht dort stehen bleiben wie ein Reh auf offenem Feld.

Unten im Dorf waren die Gildenreiter langsamer geworden. Die Straße war so schlecht wie immer – im Frühjahr schlammig, im Sommer staubig, im Herbst voller Laub und im Winter hart wie altes Brot. Daran lag es nicht. Sie wurden langsamer, weil Menschen aus den Häusern traten.

Erst einer. Dann zwei. Dann fast alle.

Türen öffneten sich. Köpfe erschienen hinter Fensterläden. Eine Frau blieb mit einem Eimer in der Hand mitten auf dem Hof stehen. Der alte Merro, der seit Jahren behauptete, nichts könne ihn mehr überraschen, vergaß seine Pfeife im Mundwinkel und ließ sie beinahe fallen. Kinder kamen angerannt, bis ihre Mütter sie an den Schultern packten und zurückzogen.

Eichenruh war kein Ort, an dem Fremde unbemerkt blieben. Gildenleute schon gar nicht.

Aemilias Magen zog sich zusammen. Der graue Stoff der Mäntel war selbst aus der Entfernung zu glatt, zu sauber, zu absichtlich. Er passte nicht zu den schiefen Zäunen, den gestapelten Holzscheiten und den Hühnern, die beleidigt gackernd vor den Pferden davonliefen. Er passte nicht zu Schlamm an Stiefeln, Rauch in Haaren und den rauen Händen der Leute, die an der Straße standen.

Der Wagen rollte hinter den Reitern her. Seine Räder knirschten über kleine Steine. Das Tuch über der Ladung bewegte sich kaum, obwohl der Weg uneben war. Etwas darunter war fest verschnürt. Oder schwer. Oder beides.

Aemilia sah zu dem Mann in der dunklen Robe. Er ging nicht wie die anderen. Die Gildenleute ritten, als gehöre die Straße ihnen. Der Priester ging, als versuche er, dem Weg keinen Schaden zuzufügen. Sein Blick war wieder gesenkt. Trotzdem hatte Aemilia das Gefühl, dass er mehr sah als alle anderen.

Das machte ihn nicht weniger gefährlich.

Sie zog sich zwischen die Bäume zurück, bis ein Stamm sie halb verbarg. Dann fluchte sie leise, weil sie sich dabei ertappte, sich zu verstecken. Sie hatte nichts getan. Nicht wirklich. Einen Stein berührt. Wasser berührt. Den Wald gespürt. Dinge, die niemand verbieten konnte, weil niemand so dumm war, sie aufzuschreiben. Noch nicht.

Unten erreichten die Reiter den Dorfplatz. Der vorderste hielt sein Pferd mit einem kurzen Zügelruck an. Das Tier schnaubte, warf den Kopf zurück und trat mit den Hufen in den festgestampften Boden. Der Mann im Sattel saß gerade, zu gerade, mit einem Gesicht, das auch im Schlaf streng gewirkt hätte. Sein Haar war dunkel und glatt zurückgebunden. Über seiner Brust lag eine schmale Kette aus mattem Metall, an der ein kleiner Kreis hing.

Aemilia kannte dieses Zeichen. Jeder kannte es. Die Gilde nannte es den Kreis der Ordnung. Ihr Vater nannte es nie etwas. Wenn jemand danach fragte, wechselte er das Thema.

Der Reiter hob die Hand. Das Dorf wurde still.

Nicht wie der Wald. Menschenstille war anders. Sie war voller verschluckter Fragen, voller Atem, der nicht zu laut sein wollte, voller Angst, die sich hinter Höflichkeit versteckte.

Aemilia konnte die Worte des Mannes nicht verstehen. Zu weit. Der Wind stand falsch. Aber sie sah, wie Dorfvorsteher Rovan aus seinem Haus trat und sich den Mantel überwarf, obwohl der Morgen längst warm genug war. Er ging schnell, aber nicht zu schnell. Sein Bauch wippte unter der Weste, und sein Gesicht hatte den Ausdruck eines Mannes, der sich daran erinnerte, dass er wichtig war, und zugleich wünschte, er wäre es nicht.

Aemilia hätte fast gelacht. Dann sah sie ihren Vater.

Er stand nicht auf dem Platz. Er kam vom Holzweg herauf, die Axt über der Schulter, das Hemd an den Ärmeln hochgekrempelt. Er hatte die Reiter also noch nicht lange gesehen. Trotzdem blieb er nicht überrascht stehen wie die anderen. Er wurde nur langsamer.

Das war bei ihm immer das erste Zeichen. Andere Menschen rissen die Augen auf, griffen nach Dingen, redeten zu schnell. Ihr Vater wurde langsam. Als würde sich in ihm etwas schließen.

Aemilia trat aus dem Schatten. „Vater.“

Er hörte sie, obwohl sie nicht laut gesprochen hatte. Er wandte den Kopf, sah sie zwischen den Bäumen und kam zu ihr hinauf, ohne zum Dorfplatz zurückzusehen. Erst als er nahe genug war, bemerkte sie den feinen Schweiß auf seiner Stirn und die kleinen Holzspäne an seinem Ärmel.

„Du bist spät“, sagte er. Das war alles.

Aemilia nickte. „Ich weiß.“

Sein Blick fiel auf ihre Hand. Auf den Schlamm unter den Fingernägeln. Auf die nasse Stelle am Ärmel. Dann auf ihr Gesicht. „Bist du gefallen?“

„Nein.“

Er wartete. Das konnte er besser als jeder andere Mensch, den sie kannte. Ihr Vater musste keine Fragen stellen, um Antworten aus einem herauszuziehen. Er ließ einfach Platz, bis man ihn füllte. Aemilia hasste das.

„Beim Bach war etwas“, sagte sie.

Seine Augen veränderten sich kaum. Nur die Falte zwischen den Brauen wurde tiefer. „Was?“

Sie öffnete den Mund. Fische, die einen Stein anstarren. Wasser, das nicht berühren will. Ein Riss, der da ist und nicht da ist. Ein Wald, der in mir war. Weiße Türme. Hände, die Licht zwingen. Nichts davon passte in Worte, die man am Rand eines Dorfes sagen konnte, während Gildenreiter unten auf dem Platz standen.

„Etwas Falsches“, sagte sie schließlich.

Ihr Vater sah lange zum Wald hinter ihr. Nicht zum Bach. Nicht einmal in die richtige Richtung. Nur in den Wald, als könne er aus den Stämmen lesen, was sie nicht sagte.

„Hast du etwas berührt?“

Aemilia schwieg einen Atemzug zu lang. Er schloss die Augen. „Aemilia.“

„Nur Wasser.“

„Nur Wasser macht dich nicht so blass.“

„Ich bin nicht blass.“

„Doch.“

Sie verschränkte die Arme. „Dann vielleicht, weil unten Gildenmänner stehen und einen Wagen mitbringen, der aussieht, als sollte man besser nicht fragen, was darin liegt.“

Ihr Vater antwortete nicht sofort. Sein Blick ging zum Dorf. Der vorderste Reiter sprach noch immer mit Rovan. Die anderen beiden sahen sich um, langsam, abschätzend. Einer von ihnen hatte helles Haar und ein schmales Gesicht. Der andere war breiter, älter, mit einem grauen Bart, der viel zu ordentlich geschnitten war für jemanden, der angeblich durch schlechte Waldstraßen reiste. Auf dem Wagenbock saßen zwei weitere Männer in leichteren Mänteln, ohne Kette und ohne Abzeichen. Wachen vermutlich. Oder Träger. Bei der Gilde war der Unterschied gering.

Der Priester stand etwas abseits. Er hatte den Kopf nicht gehoben. Trotzdem war Aemilia sicher, dass er ihren Standort kannte.

„Geh nach Hause“, sagte ihr Vater. Ruhig. Zu ruhig.

„Warum?“

„Weil deine Mutter dich suchen wird.“

„Mutter sucht mich nicht, wenn sie weiß, dass ich mit dir draußen bin.“

„Dann, weil ich es dir sage.“

Aemilia sah ihn an. Er sagte solche Dinge selten. Er konnte streng sein, härter als ihre Mutter, wenn er glaubte, dass es nötig war. Aber er gab Gründe. Selbst knappe. Selbst schlechte. Weil ich es dir sage gehörte nicht zu ihm.

„Du weißt, warum sie hier sind“, sagte sie.

„Nein.“

„Doch.“

„Ich weiß, dass Gildenleute nie ohne Grund irgendwohin kommen. Das ist nicht dasselbe.“

Unten auf dem Platz hob Rovan beide Hände, als wolle er beruhigen, was nicht beruhigt werden wollte. Ein paar Dorfbewohner traten näher. Andere wichen zurück. Die Kinder waren inzwischen verschwunden, was bedeutete, dass sie hinter Türen oder Hecken lauschten.

„Haben sie etwas mit dem Bach zu tun?“, fragte Aemilia.

Ihr Vater sah sie wieder an. Diesmal war sein Gesicht nicht nur ernst. Es war verschlossen. „Was genau ist am Bach passiert?“

Sie hätte es ihm sagen sollen. Nicht alles vielleicht, aber genug. Den Stein. Die Kälte. Den Riss. Das Gefühl, erkannt zu werden. Wenn es einen Menschen gab, der ihr glaubte, dann er. Vielleicht würde er es nicht verstehen. Vielleicht bekäme er Angst. Aber er würde nicht lachen.

Doch unten stand die Gilde. Plötzlich war jedes Wort ein Ding, das man gegen sie verwenden konnte.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie.

Ihr Vater hörte die Lüge. Natürlich hörte er sie. Sein Blick wurde nicht hart. Das wäre leichter gewesen. Er wurde traurig.

„Dann geh nach Hause“, sagte er. „Und sag deiner Mutter, sie soll bleiben, wo sie ist.“

„Du gehst zu ihnen.“

„Ja.“

„Dann komme ich mit.“

„Nein.“ Das Wort fiel so schnell, dass Aemilia zurückzuckte.

Ihr Vater atmete langsam aus. „Nicht heute.“

„Warum nicht heute?“

„Weil du aussiehst, als hätte der Wald dich ausgespuckt. Weil du Schlamm an der Hand hast und Fragen im Gesicht. Und weil Gildenleute Fragen mögen, solange sie die Einzigen sind, die sie stellen.“

Aemilia ballte die Finger. Das Kribbeln in ihrer linken Hand war schwächer geworden, aber nicht verschwunden. Es saß unter der Haut wie ein Rest Kälte.

„Ich habe nichts getan.“

„Das spielt selten eine Rolle.“ Er sagte es leise. Nicht bitter. Das machte es schlimmer.

Unten wandte sich der hellhaarige Gildenmann plötzlich um. Sein Blick glitt über die Häuser, die Zäune, die Felder und blieb für einen Moment am Waldrand hängen. Nicht genau bei ihnen. Aber nah genug.

Ihr Vater trat einen halben Schritt vor Aemilia. Es war kaum eine Bewegung. Für jemanden auf dem Dorfplatz vielleicht nicht einmal sichtbar. Für Aemilia war es lauter als ein Ruf.

Sie wollte etwas sagen. Dass sie kein Kind war. Dass sie sich nicht hinter ihm verstecken musste. Dass sie den Wald besser kannte als jeder von denen. Dass etwas unter dem Bach falsch war und dass Weggehen es nicht richtiger machte.

Stattdessen sagte sie: „Er hat mich gesehen.“

Ihr Vater wandte den Kopf nicht. „Wer?“

„Der Priester.“

Jetzt sah er sie doch an. „Wann?“

„Als sie kamen. Vom Waldrand aus. Er hat hochgesehen, direkt zu mir. Als habe ihn jemand gerufen.“

Für einen Moment war ihr Vater völlig still. Dann legte er ihr eine Hand auf die Schulter. Seine Finger waren warm, rau und schwer vom Arbeiten.

„Geh zu deiner Mutter“, sagte er. „Sprich mit niemandem über den Bach. Mit niemandem. Nicht mit Lina. Nicht mit Rovan. Nicht einmal mit mir, solange sie im Dorf sind und Wände Ohren haben.“

„Vater–“

„Aemilia.“ Er sprach ihren Namen nicht laut aus. Aber in diesem einen Wort lag alles, was sonst zwischen ihnen schwieg. Bitte. Tu diesmal, was ich sage. Nicht, weil ich recht haben will. Weil ich Angst habe.

Das traf sie härter als jedes Verbot. Sie stimmte zu.

Seine Hand blieb noch einen Atemzug auf ihrer Schulter. Dann ließ er sie los und ging den Hang hinab. Aemilia sah ihm nach. Seine Schritte waren ruhig. Die Axt trug er noch immer über der Schulter, aber nicht drohend. Nur wie ein Mann, der vom Arbeiten kam und zufällig auf halbem Weg in ein Ereignis geraten war, das größer war als sein Dorf.

Sie wartete, bis er fast den Platz erreicht hatte. Dann ging sie nicht nach Hause.

Sie nahm den schmalen Pfad hinter den Gärten, der zwischen Holundersträuchern und dem alten Ziegenstall hindurchführte. Von dort konnte man das Dorf erreichen, ohne über den Platz zu müssen. Oder den Platz sehen, ohne gesehen zu werden, wenn man klein genug war, still genug und die fehlenden Bretter im Zaun kannte.

Aemilia war nicht mehr klein. Aber still konnte sie sein.

Der Pfad roch nach feuchter Erde, Ziegenmist und den scharfen Blättern des Holunders. Eine Katze glitt vor ihr davon, beleidigt über die Störung. Hinter einem Fenster hörte sie gedämpfte Stimmen, dann das Quietschen eines Riegels. Jemand verriegelte eine Tür. Am helllichten Morgen.

Sie erreichte die Rückseite von Merros Schuppen und duckte sich hinter einen Stapel leerer Körbe. Durch eine Lücke zwischen den Brettern sah sie den Dorfplatz.

Rovan stand vor dem Gildenmann wie ein Schüler vor einem Lehrer, der ihn bei etwas ertappt hatte. Neben ihm hatte sich inzwischen Aemilias Vater eingefunden. Er sagte nichts, aber seine Anwesenheit veränderte etwas. Ein paar Dorfbewohner rückten näher an ihn heran, als merkten sie es selbst nicht.

Der vorderste Gildenmann sprach jetzt deutlich genug, dass Aemilia einzelne Worte verstand. „... ungewöhnliche Schwankungen ... gemeldet ... nördlicher Rand ...“

Rovan räusperte sich. „Eichenruh ist ein kleines Dorf, Herr. Wir haben keine Magier hier.“

„Das hat niemand behauptet.“ Die Stimme des Gildenmannes war glatt. Nicht unfreundlich. Gerade das machte sie unangenehm.

„Dann weiß ich nicht, wie wir helfen können.“

„Indem Sie vollständige Auskunft geben.“

Rovan nickte zu schnell. „Natürlich. Selbstverständlich. Alles, was der Ordnung dient.“

Aemilia verdrehte die Augen.

Der Gildenmann sah ihn an, als habe er das Nicken, die Worte und die Angst darunter einzeln abgewogen. „Vor drei Nächten wurde in dieser Gegend eine ungebundene Entladung festgestellt. Schwach, aber deutlich. Gestern erneut. Heute Morgen ein drittes Mal.“

Aemilias Mund wurde trocken. Heute Morgen.

Ihr Blick sprang zu ihrem Vater. Er stand unbeweglich.

„Entladung?“, fragte Rovan. „Hier?“

„In der Nähe.“

„Vielleicht Gewitter? Wir hatten Wetterleuchten über den Hügeln.“

„Magische Entladungen sind keine Gewitter.“

Der ältere Gildenmann mit dem grauen Bart trat zum Wagen und legte eine Hand auf das schwarze Holz. „Außerdem zeigt der Speicher eine Reaktion.“ Bei diesem Wort ging ein Murmeln durch die Dorfbewohner. Speicher. Aemilia dachte an den Brunnenstein. An den metallischen Geschmack im Winter. An blaues Licht unter Wasser.

Der Gildenmann am Wagen zog das Tuch zurück.

Darunter stand ein Gestell aus dunklem Metall. Es war nicht groß, vielleicht so hoch wie Aemilias Brust, aber es wirkte schwerer als der ganze Wagen. In seiner Mitte hing ein Stein in einer Fassung aus drei Ringen. Der Stein war milchig weiß, beinahe durchsichtig, doch in seinem Inneren bewegte sich ein matter Schimmer, als sei Nebel darin eingeschlossen.

Die Menschen auf dem Platz wichen zurück. Aemilia tat es ihnen fast gleich, obwohl sie hinter dem Schuppen verborgen war.

Der Stein klang falsch. Sie hörte ihn nicht mit den Ohren. Es war eher ein Druck hinter den Zähnen, ein dünnes, hohes Ziehen, kaum mehr als ein Gefühl. Aber es war da. Anders als der Wald. Anders als der Bach. Anders als das, was sie unter dem Stein gespürt hatte.

Dieser Speicher war stumm gemacht worden. Aemilia presste die Hand auf ihren Mund.

Der Priester hob den Kopf. Diesmal nicht zum Wald. Zum Wagen. Sein Gesicht war aus der Entfernung schwer zu lesen, aber irgendetwas daran passte nicht zu den Gildenleuten. Keine Zufriedenheit. Keine Besitzergeste. Eher Unruhe, die er zu verbergen gelernt hatte.

Der hellhaarige Gildenmann stellte sich neben den Speicher. „Wir werden eine Prüfung durchführen.“

Rovan wurde blass. „Eine Prüfung? Bei wem?“

„Bei allen.“ Das Murmeln wurde lauter.

„Das ist nicht notwendig“, sagte Aemilias Vater. Aemilia hielt den Atem an.

Der Gildenmann wandte sich ihm zu. „Und Sie sind?“

„Taren. Förster des Nordwaldes.“

„Ein Amt der Krone?“

„Ein Dienst des Dorfes.“

Einige Menschen sahen zu Boden. Andere sahen Taren an. Niemand sagte etwas.

Der Gildenmann lächelte kaum merklich. „Dann danke ich Ihnen für Ihre Einschätzung, Förster. Die Notwendigkeit beurteilt die Gilde.“

Aemilia sah, wie sich die Hand ihres Vaters um den Axtstiel schloss. Nicht fest. Nur einmal.

„In Eichenruh gibt es Kinder“, sagte er.

„Kinder besitzen Kerne wie Erwachsene.“ Das Wort fiel zwischen die Menschen wie ein Stein in flaches Wasser. Kerne. Aemilia hatte es schon gehört. Natürlich hatte sie es gehört. In Predigten, bei denen niemand genau zuhörte. In Warnungen, wenn jemand zu lange in der Nähe alter Steine gespielt hatte. Jeder Mensch habe einen Kern, sagten sie. Ein inneres Maß. Eine Stelle, an der Ordnung oder Unordnung beginnen konnte. Bei den meisten sei er ruhig. Bei manchen müsse man ihn prüfen. Bei wenigen müsse man ihn führen. Bei sehr wenigen müsse man ihn schließen.

Aemilia hatte nie herausgefunden, ob das stimmte. Plötzlich spürte sie ihren eigenen Körper viel zu deutlich. Den Schlag ihres Herzens. Die Kälte in der Hand. Das Kribbeln, das nicht ganz verging.

Rovan hob die Hände. „Sicherlich können wir das im Gemeindehaus besprechen. Nicht hier auf dem Platz. Die Leute sind verunsichert.“

„Dann beruhigen Sie sie.“

Rovan öffnete den Mund, schloss ihn wieder und wandte sich zum Dorf. „Es gibt keinen Grund zur Sorge.“ Niemand glaubte ihm. Nicht einmal er selbst.

Der ältere Gildenmann begann, die Ringe um den Speicher zu lösen. Sie bewegten sich lautlos, einer nach dem anderen, und mit jeder Drehung wurde der Druck hinter Aemilias Zähnen stärker. Der milchige Stein hellte sich auf. Irgendwo begann ein Baby zu weinen.

Der Priester trat einen Schritt näher an den vordersten Gildenmann heran und sagte etwas leise. Aemilia konnte die Worte nicht hören. Der Mann antwortete nicht. Der Priester sprach erneut. Diesmal wandte er den Kopf.

„Eure Aufgabe, Bruder Eiran, ist Beobachtung.“

Eiran. Aemilia wiederholte den Namen lautlos.

Der Priester schwieg. Aber er wich nicht sofort zurück. „Die Kirche wurde eingeladen“, sagte der Gildenmann. „Nicht, um die Arbeit der Gilde zu verzögern.“

Ein paar Menschen blickten zwischen ihnen hin und her. Rovan tat so, als sehe er es nicht. Aemilias Vater sah es sehr wohl.

Eiran senkte den Blick. „Wie Ihr wünscht“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. Gelassen, ohne Unterwerfung.

Aemilia mochte das nicht. Es war schwerer, jemanden einzuschätzen, der seine Angst nicht zeigte.

Der Speicher leuchtete jetzt schwach. Das Licht darin erinnerte Aemilia an Wasser, das zu lange in einem geschlossenen Krug gestanden hatte.

Der ältere Gildenmann zog ein schmales Metallstück aus einer Ledertasche. Es war flach, kaum länger als eine Hand, mit eingeritzten Linien an der Oberfläche. Er legte es in eine Vertiefung am Gestell. Der Stein antwortete mit einem kurzen Puls.

Aemilia zuckte zusammen. Niemand sah es. Fast niemand.

Eiran hob den Kopf. Diesmal blickte er nicht suchend umher. Er sah direkt zu Merros Schuppen. Aemilia erstarrte.

Zwischen ihnen lagen Menschen, Wagen, Zaun, Körbe, Bretter und Schatten. Er konnte sie nicht sehen. Nicht wirklich. Trotzdem hielt sein Blick genau dort.

Der Speicher pulsierte erneut. Aemilias linke Hand wurde kalt. Schwächer als vorher am Bach, aber vertraut. Sie zog sie an die Brust.

Eiran sah es nicht. Konnte es nicht sehen. Aber sein Gesicht veränderte sich. Nur wenig. Genug. Er ahnte etwas.

Der Gildenmann hob die Stimme. „Alle Bewohner Eichenruhs versammeln sich innerhalb einer Stunde auf diesem Platz. Niemand verlässt das Dorf. Niemand geht in den Wald. Niemand betritt die Felder jenseits der Nordgrenze. Wer sich der Prüfung entzieht, erklärt sich der Gefährdung der Ordnung verdächtig.“

Einen Moment sagte niemand etwas. Dann brach das Dorf in Stimmen aus.

„Was soll das heißen?“

„Meine Kinder sind bei den Ziegen–“

„Ich muss zur Mühle–“

„Wie lange dauert das?“

„Welche Gefährdung?“

Der Gildenmann ließ sie reden. Das war fast schlimmer, als wenn er sie zum Schweigen gebracht hätte. Er wartete einfach, bis die Stimmen merkten, dass sie nichts änderten.

Aemilia wich von der Bretterlücke zurück.

Eine Stunde. Sie musste nach Hause. Ihre Mutter warnen. Den Schlamm abwaschen. So tun, als sei nichts geschehen. Sich auf den Platz stellen und diesen Stein nicht ansehen. Nicht reagieren. Nicht atmen, wenn er pulsierte. Leicht. Fast lächerlich leicht.

Sie drehte sich um und stieß gegen einen Korb. Er fiel nicht um. Aber er knarrte. Auf dem Platz verstummte jemand. Aemilia hielt still.

Ein Schatten bewegte sich an der Seite des Schuppens. Sie griff nach dem Messer.

„Das würde ich lassen“, sagte eine Stimme.

Aemilia fuhr herum.

Lina stand hinter ihr, die Arme verschränkt, das Gesicht voller wütender Neugier. Ihr rotes Haar war hastig geflochten und löste sich bereits wieder an den Schläfen. Sie trug noch die Schürze ihrer Mutter, was bedeutete, dass sie entweder beim Brotbacken weggelaufen war oder behauptet hatte, Mehl holen zu müssen. Wahrscheinlich beides.

„Bist du wahnsinnig?“, flüsterte Aemilia.

„Ich? Du versteckst dich hinter Merros Schuppen, während die Gilde das Dorf absperrt.“

„Ich verstecke mich nicht.“

Lina sah sie an. Aemilia seufzte. „Nicht so.“

„Das ist überzeugend.“

„Sei still.“

„Warum? Damit sie nur dich finden?“

Aemilia packte sie am Arm und zog sie tiefer zwischen Schuppen und Holunder. „Du musst nach Hause.“

„Das sagt meine Mutter auch ständig.“

„Heute hat sie recht.“

Linas Blick wurde schärfer. „Was ist passiert?“

„Nichts.“

„Du bist eine schlechte Lügnerin.“

„Und du bist laut.“

„Nicht so laut wie dein Gesicht.“

Aemilia wollte etwas erwidern, aber Lina griff nach ihrer linken Hand. Aemilia zog sie zu spät zurück. Lina sah die blassen Finger, den Schlamm an den Nägeln, die feine Rötung um die Knöchel. „Was hast du gemacht?“

„Nichts.“

„Aemilia.“ Es klang beinahe wie ihr Vater. Das war unerträglich.

„Beim Bach war etwas“, sagte Aemilia leise. „Mehr nicht.“

Linas Spott verschwand. „Etwas wie was?“

Auf dem Platz pulsierte der Speicher erneut. Aemilia nahm es durch Holz, Erde und Luft wahr. Ein schwacher Stoß, der an ihr vorbeiging und doch in ihr hängen blieb. Ihr Magen drehte sich.

Lina bemerkte es. Nicht den Speicher. Aemilia. „Du weißt, warum sie hier sind.“

„Nein.“

„Doch.“

Aemilia riss den Blick zum Dorfplatz. Der ältere Gildenmann sprach mit Rovan. Der hellhaarige sah in Richtung der Häuser. Ihr Vater stand noch immer dort, ruhig und angespannt. Eiran war verschwunden.

Nicht verschwunden. Aemilia sah ihn auf dem schmalen Weg zwischen Gemeindehaus und Brunnen. Er ging allein. Langsam. Nicht in ihre Richtung, aber auch nicht weg von ihr. Eher so, als habe er einen Umweg gewählt, der zufällig an Merros Schuppen vorbeiführte.

„Wir müssen gehen“, sagte sie.

Lina folgte ihrem Blick. „Ist das der Priester?“

„Ja.“

„Er sieht nicht gefährlich aus.“

„Das ist selten ein Beweis.“

„Wohin?“

„Nach Hause.“

„Du meinst zu deiner Mutter, damit sie merkt, dass du aussiehst, als hättest du in einen Eimer voller Geister gefasst?“

„Hast du eine bessere Idee?“

Lina öffnete den Mund. Aemilia hob warnend den Finger. „Eine, bei der wir nicht weiter hinter einem Schuppen stehen, während ein Priester auf uns zukommt.“

Lina schloss den Mund wieder.

Sie schlichen durch den schmalen Gang hinter den Gärten. Aemilia kannte jeden losen Stein, jede Wurzel, jedes Brett, das unter Gewicht knackte. Trotzdem kam ihr der Weg länger vor als sonst. Hinter ihnen wurden die Stimmen auf dem Platz wieder lauter. Vor ihnen lag die Rückseite ihres Hauses, niedrig, mit dunklem Dach und einem Holzstoß an der Wand. Rauch stieg aus dem Kamin. Mutter war da. Natürlich war sie da.

Aemilia blieb am Gartentor stehen. Sie wünschte sich fast, wieder am Bach zu sein.

Lina sah sie von der Seite an. „Soll ich mitkommen?“

„Nein.“

„Gut. Dann komme ich mit.“

„Lina.“

„Was? Wenn deine Mutter dich ansieht, brauchst du jemanden, der schnell redet.“

„Du machst alles schlimmer, wenn du schnell redest.“

„Aber sehr überzeugend.“

Die Hintertür öffnete sich, bevor Aemilia antworten konnte.

Ihre Mutter stand im Rahmen. Mara war keine große Frau, aber sie füllte Türen aus, als wären sie für sie gebaut worden. Ihr dunkles Haar war im Nacken gebunden, die Ärmel hochgeschoben, Mehl an einer Wange. In der einen Hand hielt sie ein Tuch. In der anderen ein Messer. Kein kleines Gürtelmesser. Das Küchenmesser.

Ihr Blick ging von Aemilia zu Lina, dann über den Garten hinweg zum Dorfplatz, den man von hier aus nicht sehen, aber hören konnte. „Rein“, sagte sie.

Aemilia gehorchte. Lina auch.

Das Haus roch nach Brot, Rauch und getrockneten Kräutern. Es war warm, beinahe zu warm nach der kühlen Waldluft. Auf dem Tisch lag Teig unter einem Tuch. Daneben stand eine Schale mit Äpfeln, von denen einer halb geschält war. Alles sah so gewöhnlich aus, dass Aemilia für einen Moment glaubte, der Morgen könne sich noch entscheiden, ein anderer zu sein.

Ihre Mutter schloss die Tür und legte den Riegel vor. Dann sah sie Aemilia an. Nicht auf die Kleidung. Nicht auf den Schlamm. Nicht zuerst. In die Augen.

Aemilia erkannte sofort, dass sie nichts verbergen konnte. „Was ist passiert?“, fragte Mara.

Aemilia schwieg. Lina holte Luft. Mara hob eine Hand, ohne sie anzusehen. „Nicht du.“ Lina klappte den Mund zu.

Aemilia stand mitten in der Küche und fühlte sich plötzlich wieder sechs Jahre alt, mit aufgeschürften Knien und einem gestohlenen Honigkuchen in der Tasche.

„Beim Bach war etwas“, sagte sie.

Ihre Mutter wurde sehr still. Aemilia mochte diese Stille nicht. Es war nicht die nachdenkliche Stille ihres Vaters. Es war eine Stille, die schon ahnte, was sie fürchtete.

„Was?“

„Ein Stein. Oder etwas darunter. Ich weiß es nicht.“

„Hast du ihn berührt?“

Aemilia senkte den Blick. Mara stellte das Messer auf den Tisch. Sehr vorsichtig. „Aemilia.“

„Nicht direkt. Ich habe das Wasser berührt. Und dann mit dem Messer–“

Ihre Mutter trat so schnell zu ihr, dass Aemilia den Satz verlor. Mara packte ihre linke Hand, drehte sie ins Licht und strich mit dem Daumen über die Knöchel.

„Hat es gebrannt?“

„Nein.“

„Hat es gezogen?“

„Kalt. Erst kalt. Dann... anders.“

Mara sah auf. Aemilia hörte Lina hinter sich leise einatmen.

„Was heißt anders?“, fragte Mara.

Aemilia wollte nicht antworten. Nicht, weil sie ihrer Mutter misstraute. Die Worte würden, einmal ausgesprochen, nicht wieder klein werden.

„Der Wald war in mir“, sagte sie.

Lina sagte nichts. Mara auch nicht.

Draußen rief jemand nach seinem Kind. Ein Hund bellte. Auf dem Platz klang Metall gegen Holz.

Mara ließ Aemilias Hand los und wandte sich zum Fenster. Sie zog den Vorhang nur einen Fingerbreit zur Seite, sah hinaus, ließ ihn wieder fallen.

„Sie prüfen alle“, sagte Aemilia.

„Ich weiß.“

„Woher?“

„Weil sie nie nur schauen.“ Das war keine Antwort. Oder eine zu gute.

Aemilia starrte ihre Mutter an. „Du hast gewusst, dass so etwas passieren kann.“

Mara drehte sich nicht um. „Mutter.“

„Ich habe damit gerechnet, dass die Gilde irgendwann wiederkommen würde.“

„Wieder?“

Lina sah zwischen ihnen hin und her, zum ersten Mal ohne ein Wort.

Mara schloss kurz die Augen. Als sie sich umwandte, war ihr Gesicht ruhig. Zu ruhig. Wie das ihres Vaters, wenn er langsam wurde. „Nicht jetzt.“

„Doch, jetzt.“

„Nein.“

„Sie wollen alle prüfen. Wenn du etwas weißt, dann ist genau jetzt der Moment.“

„Der Moment ist, wenn dein Vater hier ist.“

„Vater hat gesagt, ich soll mit niemandem darüber reden, solange sie im Dorf sind.“

„Dann hör einmal in deinem Leben auf ihn.“

Aemilia wich einen Schritt zurück. Nicht wegen der Worte. Wegen der Angst dahinter. Ihre Mutter war streng, ja. Schnell im Urteil, schneller mit Arbeit, unerbittlich, wenn jemand im Haus faul herumstand. Aber sie hatte selten Angst. Jetzt hatte sie welche. Sie versuchte nicht einmal gut genug, sie zu verstecken.

Der Speicher pulsierte. Diesmal stärker. Aemilia krümmte unwillkürlich die Finger. Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge, metallisch, wie Brunnenwasser im Winter.

Mara sah es. Lina auch. „Was war das?“, flüsterte Lina.

Aemilia antwortete nicht.

Mara ging zum Herd, nahm den Wasserkessel herunter und stellte ihn neben die Feuerstelle, obwohl er noch nicht kochte. Ihre Bewegungen waren schnell, aber nicht fahrig. Sie dachte. Suchte. Entschied.

„Lina“, sagte sie.

„Ja?“

„Du gehst nach Hause. Du gehst nicht über den Platz. Du nimmst den Gartenweg, dann hinter Brecks Stall entlang. Wenn dich jemand fragt, warst du hier, um Mehl zu holen. Nimm Mehl mit.“

Lina blinzelte. „Was?“

Mara griff nach einem kleinen Leinenbeutel, füllte Mehl hinein und drückte ihn ihr in die Hände. „Damit es stimmt.“

Lina sah zu Aemilia. Aemilia schüttelte kaum merklich den Kopf. Nicht fragen.

Lina tat, was man ihr sagte. Ausnahmsweise.

An der Tür blieb sie stehen. „Wenn sie dich holen–“

„Geh“, sagte Aemilia.

Lina presste die Lippen zusammen, dann verschwand sie durch die Hintertür. Mara wartete, bis ihre Schritte im Garten verklungen waren. Dann zog sie den Riegel wieder vor.

„Zieh den Ärmel hoch“, sagte sie.

Aemilia tat es.

Ihre Mutter nahm ihre Hand erneut, diesmal sanfter. Die Rötung um die Knöchel war deutlicher geworden. Nicht schlimm. Nicht wie eine Verbrennung. Eher wie ein feines Muster unter der Haut, das nur sichtbar wurde, wenn das Licht schräg darauf fiel.

Mara wurde blass. „Was ist das?“, fragte Aemilia.

„Nichts, wenn du ruhig bleibst.“

„Das ist keine Antwort.“

„Es ist die einzige, die ich dir geben kann, ohne dich noch mehr zu erschrecken.“

„Das erschreckt mich nicht.“ Mara sah sie an. Aemilia hielt ihrem Blick stand. Einen Atemzug. Zwei. Dann sah sie weg. „Ein bisschen.“

Ihre Mutter atmete aus. Fast ein Lachen, aber ohne Freude.

„Hör mir zu. Bei der Prüfung wirst du nichts tun. Du wirst nicht widersprechen. Du wirst keine Fragen stellen. Du wirst nicht zeigen, dass du etwas spürst, egal was dieser Stein macht.“

„Und wenn ich es nicht verhindern kann?“

Mara strich mit dem Daumen noch einmal über die feinen Linien an ihrer Hand. „Dann sieh mich an. Oder deinen Vater. Nicht den Stein.“

„Warum?“

„Weil Dinge stärker werden, wenn man ihnen Aufmerksamkeit gibt.“

Aemilia dachte an den Bach. An die Fische. An den Riss. An Licht, das aufhörte zu leuchten.

„Das klingt nicht nach etwas, das du aus einer Predigt kennst.“

„Nein.“ Ein einziges Wort. Schwer wie ein geschlossener Riegel.

Aemilia wollte nachhaken. Natürlich wollte sie das. Die Fragen drängten gegen ihre Zähne, scharf und ungeduldig. Was weißt du? Woher? Warum hast du nie etwas gesagt? Was bin ich? Warum hast du Angst vor meiner Hand?

Draußen schlug jemand gegen Metall. Dreimal. Der Ton hallte über das Dorf.

Mara ließ Aemilias Hand los. „Die Stunde ist nicht um“, sagte Aemilia.

„Sie brauchen keine Stunde. Sie brauchen Gehorsam.“

Vom Platz her ertönte eine Stimme. Der Gildenmann. Zu weit für einzelne Worte, aber laut genug, um jeden im Dorf daran zu erinnern, wem der Morgen gehörte.

Mara griff nach Aemilias Ärmel und zog ihn über die Hand. „Nicht kratzen. Nicht reiben. Nicht ansehen.“

„Mutter–“

„Später.“

„Du sagst immer später.“

„Weil ich möchte, dass es ein Später gibt.“

Das brachte Aemilia zum Schweigen. Für einen Moment standen sie einander gegenüber, Mutter und Tochter, und zwischen ihnen lag mehr als Angst. Etwas Altes. Etwas Verschwiegenes. Etwas, das vielleicht schon immer im Haus gewesen war, unter Brotgeruch und Holzrauch, unter alltäglichen Ermahnungen und abendlichem Schweigen, und nur darauf gewartet hatte, dass Aemilia dumm genug war, einen Stein im Bach zu berühren.

Dann klopfte es an der Tür. Nicht an der hinteren. An der vorderen. Drei ruhige Schläge.

Mara nahm das Küchenmesser vom Tisch. Aemilia griff nach ihrem eigenen. Ihre Mutter sah sie an und schüttelte den Kopf. Aemilia ließ die Hand sinken.

Draußen sagte eine Stimme: „Im Namen der Gilde und der Kirche. Öffnet.“

Es war nicht der Gildenmann. Es war Eiran.

Mara erstarrte.

Aemilia spürte den Faden unter der Erde. Diesmal lag er nicht im Wald. Er lief direkt unter dem Haus hindurch. Und er spannte sich.


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